Die Kluft zwischen realer und virtueller Perzeption

re:publica12
Anfang Mai 2012 war ich zum zweiten Mal in meinem Leben in Berlin. Grund dafür war die re:publica12. Meine Erwartungen an die drei Tage waren sehr realistisch. Es gibt viel zu viel Programm, ein Teil davon wird mich nicht interessieren und man wird zu viele Menschen treffen mit denen man sich gerne unterhalten und re:fillen möchte. Und genau so ist es gekommen!

Perzeption

Aus meinem eigenen Online-Leben weiß ich, dass Online-Bekanntschaften schnell ein hohes Maß an Vertrauen, Respekt, Achtung und Freundschaft erreichen können. Anders gesagt, man lernt sich schnell gut kennen. Daher kam folgende Erkenntnis äußerst überraschend für mich:
Blogger, Journalisten, PR-Gurus und Geeks haben im Web (dank URLs, Avataren & Logos) kein Problem damit ihr Gegenüber korrekt zu identifizieren, in der Realität fällt es ihnen aber genauso schwer wie jedem anderen Nicht-Web-Menschen auch! Es herrscht eine dramatische Kluft zwischen realer und virtueller Perzeption.

Perzeptionen sind primär unbewusste Prozesse individueller Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die im Bewusstsein des Informationsempfängers so genannte Vorstellungsbilder (images) von wahrgenommenen Teilaspekten der Wirklichkeit entstehen lassen.

(Wikipedia)

Images die Teilaspekte der Wirklichkeit wiedergeben. Wie zum Beispiel: Rollstuhl. Klein. Männlich.

Mischt man diese Teilaspekte der Wirklichkeit noch mit einer einschlägigen Umgeben (re:publica-Gelände) hat man die perfekten Zutaten für eine Verwechslungskomödie 2.0.

http://twitter.com/#!/Mabacher/statuses/198079605033271298

Glasknochen

Bei der Recherche zu diesem Blogpost stieß ich auf folgende Zahlen:

• Österreich: 400
Deutschland: 4000-6000

Es gibt also in Österreich ca. 400 Menschen mit Glasknochen. Natürlich muss man hier anmerken, dass nicht jeder Mensch (egal ob in Österreich oder anders wo auf der Welt) mit Glasknochen gleich aussieht bzw. das selbe „Krankheitsbild“* aufweist. Manche der ca. 400 können gehen und sind normal groß.

Zwei aus Viertausend

Bei mittlerweile 8,4 Millionen Einwohnern (Österreich), von denen 400 Glasknochen haben, wurde ich noch nie so oft Verwechselt wie bei der re:publica 12 mit 4.000 Teilnehmer, von denen 2! in einem Elektrorollstuhl saßen.
Der Vollständigkeit wegen möchte ich noch anmerken, dass es noch drei Besucher in Handrollstühlen gab. Soweit mir bekannt ist, wurde keiner von ihnen mit Raul oder MIR verwechselt! Was schon mal für eine differenzierte Perzeption spricht. 😉

Teilaspekte der Wirklichkeit

Im Falle von Raul und mir besteht durchaus Verwechslungsgefahr. Es ist hier ungefähr so, wie wenn man zwei nicht miteinander verwandten Blondinen begegnet. Beide sind Blond, haben lange Haare, eine tolle Figur, zeigen Dekolleté und sind 1,70 m groß.
Trotzdem wird niemanden (weder Frau noch Mann) entgehen, dass eine von beiden eine große, spitze Nase hat und ihre Tattoos neckisch aus dem Hosenbund und dem Ausschnitt blitzen. Während die andere mit einer Körpchengröße D (Jungs, das ist mächtig viel WOW) und einem viel kleineren Gesäß aufwartet.
Das alles sind auch nicht mehr als kleine Teilaspekte (Blond. Tattoos. Große Brüste. Großer Arsch. Große Nase.) der Wirklichkeit, trotzdem nehmen die meisten Menschen diese Unterschiede wahr.

Teilaspekte am Arsch

Mein „Arsch“ ist im Vergleich zu Rauls viel kleiner. Grund dafür ist die unterschiedliche Bauart unserer Rollstühle (Ja es gibt verschiedene Elektrorollstühle!).
Da ich wesentlich dicker als Raul bin wirke ich auch etwas größer. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die niedrigere Sitzposition von Raul (Hier spielt wieder die Bauart der Rollstühle eine rolle).

http://twitter.com/#!/Mabacher/statuses/197996853541871616

Meine Selbstvermarktungsstrategie ist streckenweise noch etwas plumper als seine (jedoch legt sie an Eleganz zu!). Man mag es nicht glauben, aber selbst mit diesem T-Shirt wurde ich für Raul gehalten!

http://twitter.com/#!/Mabacher/statuses/197618839037542400

Wenigstens wurden wir nebeneinanderstehend nicht verwechselt!

Immerhin ein Held

Anfangs war es lustig. Ich hätte es auch wesentlich schlimmer treffen können. Immerhin wurde ich mit einem Helden verwechselt!
Irgendwann wurde es aber etwas nervig. Speziell wenn mir (eigentlich ja Raul) die Personen so viel Enthusiasmus und Freundschaft entgegen brachten. Ich hatte manchmal das Gefühl, diese Leute kannten Raul auch aus dem richtigen Leben (nicht nur aus dem Web). Diese Begegnungen waren für mich die Bedrückendsten.

Das Individuum

Raul hat ein echt fettes Startup (featured by Google), eine große Spendenaktion und eine Akademie mitinitiiert.
Was muss man als behinderter Mensch noch leisten um vom „normalen“ Teil der Bevölkerung als Individuum anerkannt zu werden?

Danke Raul

Lieber Raul, es war toll dich auf der re:publica wiedermal zu treffen! Danke für die 1.-Mai-Eskorte und den unblutigen Fight! 😉
Mich würde interessieren wie du über diesen Bruch zwischen realer und virtueller Perzeption denkst. Ist es für dich überhaupt ein Problem, dass die Menschen deine physische Erscheinung gar nicht richtig wahrnehmen?
Vielleicht findest du ja Zeit und Lust selbst einen Post dazu zu verfassen. Bin mir sicher, dass würde viele Menschen interessieren!

 *Egal was Wikipedia und co auch immer sagen, ich bin NICHT Krank!




3 Comments

Suse

also erstmal hab ich gut gelacht über deinen text, trotz des ernsthaften hintergrundes, aber naja, du kennst mich. „teilaspekte am arsch“ AAAAAHAHAHAHAHA :D! aber natürlich tuts mir leid, dass so ein markantes erscheinungsbild diese folgen hat. ich würde dich nieeee mit raul verwechseln ♥ (dafür hab ich zu oft den rolli geschrubbt, als dass ich ihn verwechseln könnte ;). und ich persönlich zu diesem thema: eine blondine sieht aus wie eine blondine sieht aus wie eine blondine (vorausgesetzt so wie von dir beschrieben -Beide sind Blond, haben lange Haare, eine tolle Figur, zeigen Dekolleté und sind 1,70 m groß) – könnte ich nicht auseinanderhalten, wenn ich sie nicht persönlich kenne (mehrmalige!!! gespräche) *beschämtdreinschau*. würd sie aber dann auch nicht mit (falschem) namen ansprechen. nagut raul, dann wünsch ich ne gute nacht. 😀

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Sandra

Ich finde es unglaublich…..eigentlich dachte ich ja, ich hätte die einzige Travel Pussy in Österreich……das macht mich dann doch ein wenig traurig 🙂

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